Back to Basics – Hinter den Kulissen vom Leben in Saus und Braus

© Lara Johannsen

Backpackerabenteuer Neuseeland

Zum Duschen gehe ich den Garten, für den Toilettengang in den Busch und mein Heißwasseranschluss nennt sich Offenfeuer. Nein, ich nehme nicht beim Dschungelcamp teil und bin auch kein Hardcore-Camper, der sich selbst freiwillig einem Survivaltraining aussetzt – so aus Spaß an der Freude.

Ich bin eines der unzähligen neunzehnjährigen Mädchen, die es nach Neuseeland verschlagen hat. Es scheint ein Breitenphänomen zu sein nach dem Abitur und dem ellenlangen Schulbankdrücken aus dem elterlichen Nest ins Ausland zu flüchten – und das am besten ganz weit weg und was trifft es da besser, als das geographische andere Ende der Welt, oder sein Nachbar? (Von Deutschland aus könnte man rein hypothetisch ein Loch graben und würde in Neuseeland herauskommen.) Aber anders, als die Mainstreambackpacker, die sich in den Hostels zu Hauf scharen, bin ich abseits der Routen unterwegs: Ich arbeite auf Farmen und streife durch den Busch.

© Lara Johannsen

Als ich im November im neuseeländischen Frühling ankam, habe ich mich bis Weihnachten über das herrlich sonnige und regenarme Wetter gefreut. Was ich nicht bedacht habe war, dass Regenwasser in den ländlichen Gebieten die Hauptversorgung ist. Im Hotel Mama musste sich über solch begrenzte Ressourcen nie der Kopf zerbrochen werden. Das Internet hatte Highspeed und war genauso unbegrenzt wie das Wasser aus dem Hahn, das nur nicht floss, wenn es einen Wasserrohrbruch im Dorf gab. Nun stand ich ziemlich doof da, als ich auf der Farm zum x-ten Mal den Hahn aufdrehte und es nur zwei staubtrockene Tropfen rieselte. Zu meinem Pech war ich mit zwei Mädchen allein, ohne helfenden Farmbesitzer. Selbst Google schien keine mundgerechte Lösung für meine Miesere zu haben und ich realisierte, dass das Einserabitur mich nicht wie angepriesen überlebensfähig gemacht hatte. Also griff ich den Spaten – nach kurzer Hysterie – und begann zu graben. Mein erstes Plumpsklo war alles andere als zufriedenstellend. Nach zwei Tagen ohne Duschwasser und dreckigem Trinkwasser kam die Hiobsbotschaft – beide 25 000 Liter Wassertanks waren leer. Tiere und Menschen wollten trinken, kochen, waschen und duschen. Und das schlimmste: Kein Regen war in Sicht! Und die Ironie dabei: Zu Hause in Deutschland regnet es so viel, dass viel mehr nach den Sonnenstrahlen gelechzt wird.

© Tjorven Boderius

Nachdem der Bachlauf auf dem Weideland angezapft war und wir eine Dusch- und Waschwasserquelle hatten, wurde Trinkwasser im Supermarkt gehamstert und jeder Wassertropfen aufgefangen. An Weihnachten wurde die Dürre offiziell ausgerufen, doch die Hilfe der Regierung – rund 28 Cent pro Landwirt war wortwörtlich nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn Dürren bedrohen Existenzen, Tiere müssen verkauft werden, das plötzliche Überangebot drückt den Fleischpreis, es geht um viel Geld – nicht zu vergessen, die Belastung für das tägliche Leben. Geschichten, wie die des Farmers Mike Bowler, der seine 900 Schafe in der letzten langen Dürre im Jahr 2015 im nördlichen Canterbury in Wörtern fütterte. Jeden Tag buchstabierte er ein neues sechs- oder siebenstelliges Wort aus Futter, das zwischen fünf und zehn Minuten in weiß von der Schnellstraße aus zu lesen war. Dank seiner Idee zerbrach er sich den Kopf anstatt über seine ausweglose Situation, über die Rechtschreibung seiner Kreation..

Wie sehr die heile Hostelwelt von der knallharten Realität der Einwohner abweichen kann, ist mir dann kurz nach Weihnachten klargeworden, denn während ich eine schnelle fünf Minuten Dusche mit Regierungswasser schon als Orgie empfand, war das Wort „Dürre“ noch gar nicht in das Bewusstsein der anderen Reisenden vorgedrungen und meine Geschichten nicht mehr als Ammenmärchen. Auch, wenn ich mir meine Erfahrungen weniger intensiv vorgestellt hatte, muss ich sagen, dass ich das Abenteuer in einem unfertigen, zusammengeschusterten Farmhaus mit Villa Kunterbuntcharme nicht missen möchte. Denn unabhängig von der Dürre hat mich die Zeit sehr geerdet: Ernährt habe ich mich vom tonnenschweren “Abfall“ einer Lebensmittel-Lieferantenkette, bestehend aus einwandfreiem Gemüse und Obst, das entweder dem Schönheitsideal nicht entsprach, oder bei dem die Zeitbombe MHD zu ticken begonnen hatte. So kam ich übrigens in den Genuss der besten Bananen meines Lebens, aber das ist ein anderes Kapitel meiner unkonventionellen Reise. Der Abfall dieses einzelnen Lieferanten reichte, um Tiere und Menschen tagtäglich mit Lebensmitteln zu versorgen. Und da das Duschwasser sich nicht wie von Geisterhand aufheizte, sondern durch ein gutbrennendes Kaminfeuer erwärmt wurde, hatte ich einen Antrieb das Feuermachen schnell zu perfektionieren.

© Stephen Peters

Auf den Tisch kam, was gejagt und nach Hause getragen wurde: Und wie fühlt sich campen in dieser Welt an? Auf einer Farm im neuseeländischen Urwald mit natürlicher Wasserquelle aus dem Hang, die ein Zwei-Zimmer-Haus versorgt. Die sanitären

© Tjorven Boderius

Anlagen ein Plumpsklo und eine manuell zu befüllende Freiluftdusche.

Abendlicher Strom wird vom Generator erzeugt und gekocht wird mit dem Ga

© Tjorven Boderius

s aus der elf Kilo Flasche. Doch auch hier gibt es Luxus: Die freistehende

© Tjorven Boderius

Außenbadewanne, die nach zwei Stunden Vorheizen wohlig warm ist, und wo badet es sich am besten bei Kerzenschein? – Natürlich unter

der Milchstraße und Millionen funkelnder Sterne, soweit ab vom Schuss, dass der Mobilempfang es nicht schafft zwischen das Buschwerk vorzudringen.

Man fühlt sich bei allem ein bisschen wie Robinson Crusoe, gestrandet auf einer Insel, abgeschnitten von der Außenwelt und offline. Für mich war diese „Offline-Welt“ pure Entspannung, während die Familie in Deutschland Schnappatmungen bekam, wenn sie eine Woche nichts von mir hörte.

Und als es dann endlich geregnet hat, folgte auf den Freudentanz eine ausgedehnte Dusche,

© Claire Bernager

denn das Ticken der Duschstoppuhr im Kopf war nicht mehr allgegenwärtig und die Steine fielen langsam vom Herz des Farmers, dessen Weiden wieder Farbe bekamen. Was gibt es Schöneres, als hin und wieder auf dem Boden der Tatsachen zu landen und mit einem anderen Blick auf manche Dinge wieder aufzustehen? Denn wo andere verschwenden, bewahre ich seit dieser Erfahrung und wo weggeworfen, oder ausgetauscht wird, da habe ich gelernt zu recyceln und zu reparieren. Luxus ist für mich seit Neuseeland nicht mehr als ein Bett, ein WC und vor allem Wasser. Denn wer weniger hat, der hat manchmal doch mehr vom Leben. Und mit dieser Weisheit hat mein Abenteuer „Ausland“ erst begonnen.

© Tjorven Boderius

Mehr Infos zu meiner Reise findet ihr hier.

 

 

 

 

http://www.youtube.com/dailyone

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