Der Preis des Paradieses

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Warum Neuseeland nicht für jeden paradiesisch ist

Franzosen haben die Arbeit nicht erfunden, der Bildungsstand der Amerikaner in Bezug auf den Klimawandel ist steinzeitlich, Chinesen liefern sich Blitzlichtmarathone und in deutschen Köpfen findet sich immer noch braunes Gedankengut? Jeder kennt sie, die Vorurteile und Stereotypen. Zurzeit bereise ich das andere Ende der Welt, doch auch das von vielen als besonders grün, sauber und offen wahrgenommene Neuseeland hat seine Schattenseiten…

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Meine Reiseerfahrung könnte einige dieser gängigen Vorurteile stichprobenartig belegen, denn die Franzosen, die ich getroffen habe, haben häufig andere Schwerpunkte gesetzt, und einen Amerikaner (mit sehr entspannten Arbeitseinstellung) gab es wirklich, der den Klimawandel als Humbug abgestempelt hat, nicht zu vergessen die Blitzlichtgewitter der Chinesen die einen auf Schritt und Tritt zu verfolgen schienen und doch auf die Landschaft und damit gegen niemanden gerichtet waren. Aber wie viele Menschen sprechen für die Masse? Als Deutscher läuft man tatsächlich noch Gefahr mit Hitler in Verbindung gebracht zu werden, aber ist man deshalb ein Nazi? Wie viel entscheidet die Herkunft wirklich über den eigenen Werdegang? Meine Erkenntnis: In wieweit wir es zulassen, denn wir sind unseres Glückes Schmied.

Davon war ich zumindest felsenfest überzeugt, bis ich auf einer Milchfarm angeheuert habe und auf einen jungen Mann mit einer dunklen Vergangenheit traf. Er ist zwei Jahre älter als ich, tätowiert, muskulös und derbem Sprachgebrauch. Für seine blauen Augen würden die Frauen ihm nur so zu Füßen fallen, sagt er und lacht dabei. Was klingen mag wie der Anfang einer Liebesgeschichte, ist vielmehr der Auftakt meines Entfremdens von Neuseelands blütenweißer Weste. Denn was mir nach und nach klar wurde, mein charismatischer Kollege mit Maori-Abstammung hat ein Geheimnis.

Die Stolpersteine seiner Kindheit waren ein im wahrsten Sinne des Wortes schlagfertiger Vater, der gleichzeitig Gangmitglied war und eine alkohol- und drogenabhängige Mutter, die ihn als Zweijährigen im brennenden Haus vergisst und die Schwester (seine Lebensretterin) mit vierzehn vor die Tür setzt und damit in die Prostituiertenlaufbahn drängt. „Neuseeland ist kein Paradies“, sagt er, seine Hand umklammert die Tasse mit Tee, den ich ihm eingeschenkt habe, „Ich hätte ein guter Junge sein können.“ Ich schaue auf seine muskulösen Arme, mit denen er heute flink Kühe melkt, aber seine Tatttoomarmorierung schimmert pechschwarz – wie ein schweres Laster. Seine Augen wirken traurig, als er von den vielen Stieffamilien und der gepeinigten Schulzeit, wie auch den vielen Mädchenherzen erzählt, die er gebrochen hat. Dass er mittlerweile selbst Drogen nimmt und zu viel Alkohol trinkt, ist kein Geheimnis.Aber ist man auf immer verdammt, wenn man von der verbotenen Frucht nascht? Und wenn ja, auch wenn sie einem untergejubelt wird? Meine Oma pflegt zu sagen: Es ist nicht alles Gold was glänzt, aber das war bislang nur eine abgedroschene Floskel aus Kindertagen für mich.

Neuseeland, das Paradies für den Backpacker und die Hölle für den Anwohner?

Nein!, wer reist wird auf Missstände und kulturelle Unterschiede stoßen, egal wohin es ihn verschlägt, solange er sich nicht scheut hinzusehen. Was mich betrifft, habe ich dank diesem Jungen den rosaroten Schleier abgelegt. Und das nicht nur in Bezug auf die Absichten des männlichen Geschlechts, sondern ich habe realisiert, dass es im Leben auf die Menschen ankommt und dass es die schwarzen Schafe nicht nur bei uns am Deich, sondern eben auch am anderen Ende der Welt zwischen den offensten und nettesten Menschen gibt. Doch kaum jemand kennt die schweren Typen von Gangs wie Mongrel Mob, The New Zealand Nomads, Black Power, oder der niedlich klingenden Killer Beez. Selbst die Hells Angels sind in Neuseeland vertreten. Eins haben sie gemeinsam: In die Gang kommt nur, wer sich die Hände schmutzig macht. Die Bandbreite ihrer „Auszeichnungen“ reicht von Sexualstraftaten über Drogenhandel bis hin zu Tötungsdelikten. Allgemein kommt ein Tourist aber nicht in die Verlegenheit auf „Gangmember“ zu treffen, oder mit ihnen Tee zu trinken. Wer aber genau hinsieht und hört, wird sie hören die Warnung davor ein rotweißes Stirnband zu tragen und die Wut der Gang Mongrel Mob auf sich zu ziehen, oder aber die der Black Power mit einem blauweißen. Denn was klingt wie ein modischer Fauxpas kann laut Anwohnern im Krankenhaus enden.

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Auch das Paradies hat also seine Schattenseiten: Denn auch Neuseeland hat sie die bösen Jungs, die Städte, wenn auch an einer Hand abzuzählen, mit Obdachlosen an den Straßenecken und abgelegene Orte, in denen auch Kiwis in Wohnmobilen hausen und das nicht, weil sie wie hippe Backpacker das Nomadenleben für sich entdeckt haben und Kinder, die auf ihren Pferden zur Schule reiten. Ricky Baker aus DEM neuseeländischen Blockbuster „Hunt for the Wilder People“, oder zu Deutsch „Wo die wilden Menschen jagen gehen“, pflegt zu sagen: „I didn’t chose the skux (Gangster) life the skux life chose me“ Diesen Film aus dem vorletzten Jahr kann ich nach dem neunten Mal angucken schon auswendig und wer nun immer noch abenteuerlustig genug ist den neuseeländischen Humor kennenzulernen, der kann in die Kiwi-Kultur für rund zwei Stunden „aus sicherer  Entfernung“ von der Couch aus reinschnuppern.

Müsste ich mich aber auf eine Sache einschießen, die ich auf meiner Reise am meisten genossen habe, dann muss ich nicht lange überlegen, denn es sind die Menschen. Denn so flüchtig eine Begegnung auch sein mochte – die Menschen haben mich aufgenommen, mich per Anhalter mitgenommen, mich nicht für dreckige Arbeitskleidung beim Einkaufen gemustert und mir mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Und wenn ich von meiner Reise heimkehre, dann

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werde ich sie mit allen teilen, die traurigen und ernsten Geschichten, die mich nachdenklich gestimmt haben, wie auch die unvergesslich lustigen und warmen Momente, von denen ich strahlend wie ein Honigkuchenpferd durch die Straßen getrabt bin. Wenn man nämlich den Mut hat zu reisen, und das mit Leib und Seele, dann lernt man nicht nur Land und Leute, sondern auch sich selbst kennen. Ich für meinen Teil komme mit offenen Augen wieder, denn es tut gut aus seinem Dornröschenschlaf aufzuwachen und Sachen, die man selbst als Dornen wahrgenommen hat, gegen echte Dornen abstumpfen zu sehen.

Mehr zu meiner Reise findet ihr hier.

 

 

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