Wer ist eigentlich diese Lisa?

© Carolina Schramm

Was wirklich hinter dem Jodelprinzip steckt und wo das WorldWideWeb zu dicht gesponnen hat.

© Lara Johannsen

„Du bist die typische Lisa“, wirft mein Kumpel mir vor, schon bevor ich aus Neuseeland zurückkomme. Doch wer ist diese Lisa? Mein Name ist nicht Lisa und ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Berührungspunkte mit der Jodel Campus App. Wie viel dieser Lisa steckt in mir? Und kann man wirklich alle Backpacker über einen Kamm scheren?

„Die typische Lisa fährt einen Fiat 500c von Papas Geld, macht immer nach ihrem Abitur mindestens ein Jahr in Neuseeland oder Australien, um sich selbst zu finden und neue Perspektiven zu setzen. Sobald sie wieder in Deutschland ist, weiß sie nicht mehr ob ihre Muttersprache Deutsch oder Englisch ist.“, das zumindest war die Erklärung meines Kumpels. Was auf den ersten Blick aussieht wie ein vom Elternhaus finanzierter Selbstfindungstrip war bei mir wie bei vielen anderen auch selbst erarbeitet. Natürlich gibt es die gespoilerten Persönlichkeiten immer wieder, wer kennt sie nicht?: Die Mitschüler, die noch nie einen Finger rühren mussten und lässig über den Schulparkplatz cruisen – den Arm halb aus dem Fenster des dicken Mercedes, mit glänzender Uhr am Handgelenk. Daneben stand der rostige T3 und T4 meines Opas, das ich mir hin und wieder borgen durfte und in dem es immer nach Landluft roch.

Wenn aber gefragt wird, warum es einen ins Ausland verschlägt, dann holt einen das Lisaklischee laufschrittig ein, denn die Standardfloskel „zur Selbstfindung und einfach mal raus und was ganz anderes sehen“ wird hier nicht ohne Grund pauschalisiert. Vielleicht macht es die Werbung? Wie viele junge Menschen werden ans andere Ende der Welt gespült? Und wieviele sind davon deutsch? Die erschreckende Antwort und für diejenigen, die nicht unbedingt eine Englischphobie haben (also nicht nur Deutsch sprechen wollen) traurige Realität ist, dass 80-90 Prozent der Backpacker Deutsch sind. Manchmal kam es mir in Hostels vor, als hätte ich Deutschland nie verlassen. Wer kann es ihnen verübeln? Weit weg aus Hotel Mamas Fängen lassen sich eben die besten Erfahrungen machen und wer sie am Ende des Tages nicht macht – der ist dann doch selbst schuld?

© skydive Bay of Islands

Aber hier kommt der nächste Knackpunkt: Man hat sie auch hier die Arroganten-Deutschen-Lisa-Touristen, die jeden Pott mitschlecken können, weil sie von zu Hause gesponsert werden. Auf die reagiert der Normalo-Backpacker vermutlich genau aus dem Grund hyperallergisch, da sie ihn zu verfolgen scheinen und er sich dieses große ANDERS und RAUS weniger Deutsch vorgestellt hat. Denn es gibt auch Lisas amerikanischer, canadischer, asiatischer und genau genommen aller Kulturen, nur das sie dem Deutschen nicht so sehr gegen den Strich gehen.

Aber auch hier sind die Menschen sehr unterschiedlich, denn wo ich mich geweigert habe Deutsch zu sprechen, haben andere nach zehn Monaten Reisen ihren deutschen Akzent nicht verloren. Vielleicht habe ich sie hier gespielt: Die Lisa. Wolllte alles richtig machen und der Fakt, dass mich einige für einen Kiwi (Neuseeländer) oder andere Muttersprachler (Kanadier) gehalten haben, hat mir sehr geschmeichelt, kann man es mir verübeln? Die Kultur gefiel mir am Ende dann so gut, dass ich sie gerne adoptiert hätte und mit nach Deutschland genommen hätte.

Und da kann ich diese sagenumwogene Lisa schon verstehen, der es schwierig fällt sich wieder einzugliedern. Denn nach acht Monaten in Neuseeland und Australien habe ich den Linksdrall im Straßen auch nach zwei Wochen noch nicht vollständig abgelegt, dann und wann entfällt mir ein Englisches Wort und nach Neuseeland habe ich dank WhatsApp immer noch Kontakt und möchte ihn auch nicht missen. Filme gucke ich mittlerweile gerne auf Englisch, einfach um das Feeling nicht zu verlieren, oder die Erinnerungen?

Das ich in Deutschland aber weitesgehend alleine bin mit meinen Insidern und Witzen (selbstverstänlich auf Englisch) schürt das Fernweh, wenn gefragt wird wie das Ausland war, dann wird nur rumgedruckst, wie soll eine so lange Zeit kurz und knapp zusammen gefasst werden? Und wie drückt man sich aus, ohne das man nur noch von Neuseeland schwärmt? Die arme Lisa steckt also vielleicht in einer Zwickmühle, und denkt vielleicht gar nicht mal, das sie etwas Besseres ist, wenn sie die deutsche Hitze mit der australischen vergleicht und sie „downgraded“, sondern verarbeitet ihr Abenteuer nur bruchstückhaft, weil es zu viel ist um es aufeinmal zu verdauen? Vielleicht tut man ihr also bei dem ganzen Vorwurf Unrecht, denn sie bräuchte nur einen Wiedereingliederungsbeistand und ist womöglich gar kein Großkotz.

Am Ende des Tages: Schwingt da vielleicht ein wenig Neid mit, das die kleine Lisa es ans andere Ende der Welt geschafft hat? Vielleicht muss sie den Kredit fürs Auto und Ausland ja auch an ihren Vater abstottern? Man sollte Menschen eben nicht nach Äußerlichkeiten, oder Besitztümern in Schubladen stecken, aber so ist das Netz eben. Hier muss man Spaß verstehen, es locker nehmen. Nicht ohne Grund wünschen sich Kiwis: „Take it easy“, da ist er wieder der Vergleich. ABER in Neuseeland,….Wollt ihr mich nun an den Pranger stellen? Als Lisasympathisantin?

Liebe Backpacker, wie auch Jurastudenten, Erstis und Stadtbahnfahrer, die ihr alle euer Fett weg bekommt, lächelt, denn nicht jedes Vorurteil trifft ins Schwarze, einige sind aber erstaunlich nah dran!

Gut, dass mein verhasster Zweitname „nur“ Lena ist:-)

Mehr zu meinem Auslandsabenteuer findet ihr hier.

http://www.youtube.com/dailyone

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